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Karl Dedecius Stiftung

Brückenbauer mit festem Standpunkt: Grenzgespräch zur Jahrhundertgestalt Władysław Bartoszewski

WB_Podium ©Eva Rothe

Władysław Bartoszewski war eine Jahrhundertgestalt. Nicht nur umspannte das Leben des polnischen Historikers, Publizisten und Politikers von 1922 bis 2015 fast ein Jahrhundert, sondern er war auch in allen politischen Systemen, die in Polen in dieser Zeit existierten, aktiv - oft in Opposition und Verfolgung. Als 20jähriger kam er ins KZ Auschwitz. Nach seiner Befreiung setzte er sich für die durch die nationalsozialistische Besatzung verfolgten polnischen Juden ein. In den 1950er Jahren politischer Gefangener im stalinistischen Polen, wurde er vom Staat Israel als „Gerechter unter den Völkern“ ausgezeichnet. In den 1960er Jahren war er als Journalist für die katholische Presse tätig und wurde 1980 im Zusammenhang der polnischen Freiheitsbewegung wieder interniert. Eine Intervention Israels brachte ihm die Freiheit. Nach der politischen Wende 1989 war er in verschiedenen politischen Ämtern und schließlich als Außenminister tätig. Zur PiS-Regierung seit 2015 geriet er wiederum in Opposition, der er eine amateurhafte Außenpolitik vorwarf.
Ab den 1960er Jahren begegnete Bartoszewski zunehmend Deutschen, die an  Vergebung und Versöhnung interessiert waren. So entwickelte er sich zum renommierten Brückenbauer zwischen beiden Gesellschaften, der schließlich mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (dem "deutschen Nobelpreis") ausgezeichnet und 1995, anlässlich des 50. Jahrestages vom Ende des II. Weltkrieges und Befreiung vom Faschismus in den Deutschen Bundestag als Redner eingeladen wurde.

Seit drei Jahren ist eine Ausstellung zum Leben und Werk Bartoszewskis in Deutschland unterwegs und nach 19 Stationen auch in Frankfurt (Oder) zu sehen. Aus diesem Anlass veranstaltete das OEC am 2.12. in Kooperation mit der Karl- Dedecius-Stiftung einen Gesprächsabend, der aufgrund der aktuellen Situation digital im Internet stattfand. Nach einem Grußwort von Viadrina-Präsidentin Prof. Dr. Julia von Blumenthal berichteten der persönliche Assistent Bartoszewskis, Dr. Marcin Barcz, und die frühere polnische Generalkonsulin in Köln und München, Frau Elżbieta Sobótka von ihren Erfahrungen mit der Ausnahmepersönlichkeit. Barcz stellte heraus, dass Bartoszewski ein Brückenbauer gewesen sei, für den die Grundsätze von Mitmenschlichkeit und Rechtsstaatlichkeit aber nicht zur Verhandlung standen. Sobótka betonte Bartoszewskis unermüdlichen Einsatz, der von der Erfahrung geprägt war, sein Leben nach der Verfolgung neu geschenkt bekommen zu haben.

Schließlich verwies die Frankfurter Dedecius-Expertin und Mitglied im OEC-Vorstand Dr. Ilona Czechowska, auf die engen freundschaftlichen Verbindungen zwischen Bartoszewski und Dedecius. Beide waren ihr Leben lang unterwegs, um die Erfahrungen und Lehren ihrer Jugend mit Nationalsozialismus und Stalinismus weiterzugeben und am Aufbau eines gerechten Gemeinwesens und an der Verständigung zwischen den Völkern mitzuwirken. Dabei hatte Bartoszewski als polnischer Katholik ausgezeichnete Beziehungen zu deutschen Protestanten, und Dedecius ebensolche als deutscher Protestant zu polnischen Katholiken.
Die Bartoszewski-Ausstellung ist leider aufgrund der Corona-Pandemie nur für Angehörige der Universität zugänglich.
Das äußerst bemerkenswerte Lebenswerk von Bartoszewski und Dedecius und ihre Beziehungen zueinander sind für das OEC eine starke Anregung, in Zukunft noch stärker öffentliche Gesprächsformate mit bedeutenden polnischen und deutschen Intellektuellen zu entwickeln.
 

Frank Schürer-Behrmann
Superintendent, Ev. Kirchenkreis Oderland-Spree