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Karl Dedecius Stiftung

Ich kam, sah und ging...

H_B_ Symposium 1_190 ©MAZ / Andrea Müller
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Symposium für Henryk Bereska im Collegium Polonicum in Słubice
- ein Kommentar von Andrea Müller

Henryk Bereska - das ist für mich auf Deutsch gesagt dieses „Kaff“, dieser Sandberg bei Berlin, dieses Loch, wo es nichts gab. Für Henryk allerdings war dieses Kolberg sicher die Welt.

Henryk Bereska - das war am vergangenen Donnerstag auch das Symposium in Słubice unter dem Titel „Ich kam, sah und ging“. Zu Gast waren die Präsidentin der Viadrina Prof. Dr. Julia von Blumenthal, der Verwaltungsdirektor des Collegium Polonicum Krzysztof Wojciechowski, der Vorsitzende der Karl Dedecius-Stiftung Hans-Gerd Happel, Frau Prof. Dr. Gabriela Matuszek von der Jagiellonen Universität in Krakau, Prof. Dr. Grazyna Szewczyk aus Schlesien und viele andere Gäste - darunter die Ehefrau von Henryk Bereska, Gilda Bereska, und seine Tochter Odette Bereska.

Vor ein paar Tagen suchte ich in der Redaktion etwas, für die ich als Reporterin arbeite. Die Redaktion wird umziehen, also muss man in den Schränken etwas Ordnung schaffen. Auf einmal fand ich ein Buch von Henryk Bereska „Auf einem Berg aus Sand“. Ein Zufall? Ich blätterte es durch und traf Henryk schon auf der zweiten Seite auf einem Foto - genauso, wie ich ihn von damals kannte, als ich nach dem Studium als junge Journalistin anfing zu arbeiten. Beim ersten Treffen war ich beeindruckt. Henryk war damals schon als Übersetzer aus dem Polnischen ins Deutsche bekannt. Ich muss geschehen, dass ich mich etwas vor ihm fürchtete. Heute weiß ich nicht warum, denn es gab keinen Grund dafür. Er begrüßte mich, als würden wir uns schon seit langem kennen. Er erzählte mir, wann (1926) und wo er geboren wurde. Den Ort Szopienice kannte ich nicht, aber durch die Nähe von Katowice konnte ich mich orientieren. Er wohnte da mit den Eltern in einem „Familok“ in Schlesien. Wahrscheinlich fing ich damals gerade an, Polnisch zu lernen, als wir uns das erste Mal trafen. Das Wort „familok“ war für mich vollkommen neu und machte auf mich Eindruck, so wie Henryk einen tiefen Eindruck hinterließ, mit dem ich schnell per „Du“ war. Bis heute habe ich weder dieses Wort noch Henryk vergessen. Beide sind faszinierend.

Henryk war wirklich ein „Fährmann“ vom Polnischen zum Deutschen. Er übersetzte mehr als 200 Bücher. Er rang mit den Texten, suchte mehr als die richtigen Worte, spürte nach der Seele des Textes bzw. des Buches. Und fand sie! Auf diese Weise konnten die Leser der DDR Bekanntschaft machen mit solchen Persönlichkeiten wie Zbigniew Herbert, Tadeusz Różewicz oder Adam Zagajewski. Ich wusste, dass Henryk bekannt war als Übersetzer aus dem Polnischen, aber erst jetzt verstand ich wirklich, dass er das Pendant zu Karl Dedecius war, der ebenfalls Übersetzer aus dem Polnischen war. Beide verband die polnische Sprache, aber es trennte sie die Grenze mitten durch Deutschland, der eiserne Vorhang zwischen Ost und West. Diese Grenze gibt es nicht mehr, aber für beide Übersetzer bestand sie noch lange Jahre fort. Erst jetzt beginnt sie zu verschwimmen. Die Karl Dedecius-Stiftung gibt es jetzt seit fünf Jahren. 2004 übergab Henryk Bereska sein literarisches Archiv der Universität an der Oder. Dort sind nun die Großen der polnischen Übersetzer vereint.

 Henryk Bereska starb 2005, vor 13 Jahren. Während des Symposiums haben sich viele seiner Freunde, darunter auch seine Frau und seine Tochter daran erinnert, was sie mit Henryk erlebten - bei der Arbeit, bei Spaziergängen über die Berliner Museumsinsel oder bei den gemeinsamen Kneipengängen, die Henryk zum Ärger seiner Frau sehr liebte. Nach dem Symposium konnte eine Ausstellung über Henryk Bereska besichtigt werden. Mir fiel ein Zeugnis auf, in dem Henryk in deutscher Sprache gerade Mal ein „Genügend“ erhielt und im Polnischen ein „Gut“. Unser Henryk - wie sich doch sein Schicksal gewandelt hat. Magda Handerek (Berlin po polsku) zeigte einen Film über Henryk Bereska. Es ist ein berührender, warmherziger Streifen über eine Person, die es auf dieser Welt nicht mehr gibt, die aber dennoch bei uns ist.

Andrea Müller
www.niemka-kocha-polske.de